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Aufreger: Seid ihr etwa was Besseres?

2019-11-09T08:34:39+01:00

Eigentlich geht unsere Autorin Angi Brinkmann, 53,  gerne shoppen. Wären da nur nicht diese überheblichen Verkäuferinnen, die sich für etwas Besseres halten…

Ich habe stressige Monate hinter mir und Lust auf einen Stadtbummel, ich würde mir gern eine kleine Belohnung gönnen. Doch: Schon beim Reingehen in die schicke Boutique falle ich quasi in den Hochflorteppich – und meine Stimmung rutscht hinterher. Die junge Verkäuferin schreitet durch wabernde Duftkerzen und chillige Loungemusik auf mich zu. Sie ist spaghettidünn und ihr Lächeln analog dazu schmallippig. „Suchen Sie wtas BESTIMMES?“, fragt sie spitzzüngig – und meint eigentlich: „Was um Himmels willen machen SIE hier?“ Das frage ich mich auch. Die Preise der Kleidchen entsprechen einem Monatslohn, und die Size-Zero-Größen scheinen sich an 15-jährigen Bloggerinnen zu orientieren. Die Verkäuferin platziert sich so presseng neben mir, dass ich mich kaum traue, die Kleiderstange durchzuschauen. Wortlos rausche ich wieder raus. Blöde Kuh!

So macht das alles einfach keinen Spaß!

Da ist einem doch der ganze Spaß vergällt. Was bilden sich diese jungen Dinger ein? Wenn Sie mich fragen, gucken die zu viel auf Instagram und verwechseln Online-Glitzer mit der Realität. Das echte Leben sieht aber anders aus. Da arbeiten Menschen für Geld. Wie mein lieber Gatte, der mir eine Freude machen wollte und mir eine neue Geldbörse geschenkt hat. So ein edles Markenteil mit Buchstaben-Logo. Ihr kennt das von Handtaschen, die ihre Trägerin als exklusiv, wohlhabend und besonders kennzeichnen. Accessoires dieser Kategorie sollen uns Normalsterblichen entgegenrufen: „Guck mal, meine Besitzerin ist was Besseres!“

Ich möchte nicht undankbar erscheinen. Er hat es gut gemeint. Aber ich bin mit meinem alten Geldbeutel total zufrieden. Ich beschließe das teure Logo-Teilchen in ein Halstuch umzutauschen. Schöne Seidentücher hat man ja ewig. Beim Öffnen des Luxustempels reißt mir ein eckig rasierter Kerl im zu engen Wurstpellen-Anzug die Tür aus der Hand. Eine junge Frau mit wichtigem Kopfhörer erfragt duzend (!) meinen Namen und tippt mich in ihr Tablet. „Du bist gleich die Siebzehnte“, flötet es. Vor meinen Augen läuft ein Film ab: Der Laden wimmelt von Fußballerfrauen, ölvermögenden Vollverschleierten und aufgeregt zwitschernden Asiatinnen, die Luxusartikel wie Handtaschen und Koffer zu Kleinwagenpreisen kaufen, ohne zu schwitzen. Eine Stunde später verlasse ich die fremde Glitzerwelt mit einem sehr schönen Tuch durch die galant aufgehaltene Türe – und atme durch.

Jetzt aber, denke ich mir. Ich kann nicht anders. Ich flitze um die Ecke in die Boutique zurück, in der alles begann. In der Türe rufe ich der Spaghetti-Verkäuferin zu: „Kindchen, ich bewundere, mit welcher Würde Sie hier stehen, obwohl Sie wissen, dass Sie diese Kleider nur geliehen tragen können. Machen Sie sich nix draus…“ Jesses, was geht es mir gut. Ich habe mir heute echt was geleistet – nämlich, selbstbewusst zu sein!

4 Comments

  1. Caroblack
    Caroblack 10. November 2019 um 11:18 Uhr

    Ich wäre auch so gern so taff und würde es gern vor Ort loswerden können…
    Aber klein, rund, über 60 und nicht mehr heels geübt, geb ich zu, dass ich mich schäme. Aber wofür eigentlich? Ich arbeite rund um die Uhr für mein Geld (immer noch), habe meine Kinder zu anständigen Menschen erzogen. Also… Wir sind gestern mit dem Flieger aus Hurghada gekommen. Die Stewardess (groß, klapperdürr, vollkommen uberschminkt, mit einem Parfüm behangen, dass uns allen Übelkeit verursacht hat) hat mich behandelt, als wenn ich nicht anwesend wäre…. Wo leben wir nur.

  2. PetraL
    PetraL 10. November 2019 um 7:21 Uhr

    So ist es leider. Ich gehe garnicht erst rein in solches Geschäft. Muss leider Größe 48 kaufen. das gibt es sowieso dort nicht.Gehe immer zu Gina Laura – sehr nette Verkäuferin dor -in meinem Alter .

  3. Mausilein48
    Mausilein48 9. November 2019 um 10:23 Uhr

    Aber es ist doch auch ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Wenn Kinder und Jugendliche einen Status von Göttern haben, wie soll sich Empathie entwickeln. Im Vordergrund steht der Konsum. Leisten können es sich nur Wenige. Ich gehe auch immer mit Erstaunen durch die Kosmetikabteilungen unserer Warenhäuser. Schon beim Anblick der Verkäuferinnen ist Frau nicht gewillt, diese eventuell anzusprechen. Allerdings ist mir unklar, wie sie ohne Umsätze ihr Geld verdienen. Und so ist es eben in vielen Geschäften, wo die Kundin die “Dumme” ist.

  4. Kerstin64
    Kerstin64 8. November 2019 um 19:52 Uhr

    So ist es (leider). Angi hat es mal wieder auf den Punkt gebracht. Ich amüsiere mich immer sehr über ihre Beiträge!

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